Ein Leuchtturm in Bienenbüttel

Ein Resümee der Zeit auf dem Gärtnerhof. Von unserem diesjährigen Mitarbeiter Lino.

Wachse oder Weiche – so lautet das vorherrschende Mantra auf dem Weg in die industrielle Landwirtschaft. Dieser Weg ist gepflastert mit geschlossenen Bauernhöfen, welche die Expansion zum Agrarkonzern entweder nicht geschafft haben oder nicht schaffen wollten. Es verbleiben immer größere Betriebe, die immer größere Mengen produzieren – und dabei immer abhängiger werden. Abhängiger von global operierenden Chemie- und Saatgutkonzernen, von Maschinenherstellern, die Lösungen in der Gigantomanie landwirtschaftlicher Maschinentechnik suchen, von Großhändlern, Nahrungsmittel-Playern und Handelsketten, die im freien Wettbewerb auf dem Weltmarkt die Preise drücken und zu guter Letzt natürlich von Banken, die dieses Wachstum auf Pump finanzieren. Zusätzlich zu dem Schicksal vieler bäuerlicher Betriebe hier im Globalen Norden, dürfen die externalisierten Sozial- und Umweltkosten einer industrialisierten und auf den globalen Handel fokussierten Landwirtschaft nicht vergessen werden, die auf den Schultern der Kleinbäuerinnen und Menschen in Ländern des Globalen Südens abgeladen werden und zu guter Letzt auch zu Lasten kommender Generationen gehen.

Und wäre dies alles nicht schon folgenschwer genug, versinkt die Debatte über eine Abkehr von diesem Mantra in polarisierenden Grabenkämpfen. Denn der Blick auf die Landwirtschaft ist gekennzeichnet von Gegensätzen: ökologisch gegen konventionell, bäuerliche gegen industrielle Landwirtschaft, hochwertige und dabei trotzdem möglichst preiswerte Produkte.

Was wir deshalb jetzt mehr denn je brauchen, ist eine Agrarwende – hin zu einer ökologisch nachhaltigen, sozial verträglichen und kleinbäuerlichen Landwirtschaft, die uns ganz konkret hier vor Ort eine regionale Ernährungssouveränität garantiert (und Ländern des Globalen Südens selbiges ermöglicht). Was wir brauchen sind Alternativen, sind Leuchtturm-Betriebe, die mit solchen Alternativen experimentieren und sie vorleben.

Die Suche danach hat mich Anfang diesen Jahres auf den Gärtnerhof nach Bienenbüttel geführt: Ich, das ist einer jener jungen Menschen, die ihren Weg in die ökologische Landwirtschaft über Umwege gefunden haben. Weder habe ich meine ersten Schritte zwischen den Heuballen im Kuhstall gewagt noch jede freie Minute außerhalb der Schule auf einem Trecker verbracht. Landwirtschaftliches Idyll habe ich zwar bei den Großeltern in den Sommerferien kennengelernt, aber aufgewachsen bin ich fernab jeden Humus-Krümels im Herzen einer Großstadt. Mit mittlerweile Mitte 20 benötigte ich also einen Weile Anlauf über Arbeit, Auslandsaufenthalt und Akademisches, bevor ich erkannt habe, das mir die Landwirtschaft die Möglichkeit bietet, all das miteinander zu  verknüpfen, nach dem ich bis dato gesucht hatte: die Zufriedenstellung meines idealistischen Weltverbesser-Gens, eine erfüllende körperliche Tätigkeit, die mich Abends zufrieden und erschöpft ins Bett fallen lässt, ein Leben und Wirken in einer Gemeinschaft, meine Leidenschaft für das Zubereiten von gesunden Lebensmitteln und die Möglichkeit einen handwerklichen Beruf auszuüben der das Potenzial mitbringt, mich auf politischer, gesellschaftlicher und akademischer Ebene in die dringend nötigen Debatten, zur Zukunft der landwirtschaftlichen Entwicklung einzubringen.

Deshalb sammle ich nun quasi im »zweiten Bildungsweg« landwirtschaftliche Erfahrungen, unter anderem hier in Bienenbüttel. Und nachdem sich ein lehr- und erfahrungsreiches Jahr auf dem Gärtnerhof langsam aber sicher gen Ende neigt, wird es höchste Zeit zurückzublicken auf das, was ich auf meiner Suche nach den angesprochenen Alternativen hier gefunden habe:

Etwas mehr als 50 Arten und 100 Sorten Blatt-, Frucht-, Wurzelgemüse und Kräuter habe ich vom Samenkorn über die Jungpflanze bis hin zur Erntereife begleiten können und so hautnah erfahren, was die Fruchtbarkeit einer biologischen Vielfalt ausmacht. In diese Vielfalt noch nicht mit eingerechnet sind die ungezählten Stauden und prächtigen Zierpflanzen in den summenden und brummenden Gärten des Hofs, durch die sich gern und ungern gesehene Insekten und andere Krabbler auf unseren Flächen die Waage halten. Das alles auf einer Fläche von gerade einmal 4 ha (was in etwa der Größe von 4 Fußballplätzen entspricht). Gleichzeitig habe ich aber auch erfahren, dass solche Vielfalt großer Aufmerksamkeit und Zuwendung, zumeist im »Kniebetrieb«, bedarf – egal ob bei strahlendem Sonnenschein oder dem in diesem Jahr häufigeren Dauerregen. Der Preis dafür ist die alltäglich wiederkehrende Freude, die Früchte der Arbeit beim gemeinsamen Mittagessen zu begutachten, zu verköstigen und zu bewerten und schlussendlich mit gutem Gewissen an diejenigen weitergeben zu können, für die wir die vielfältigen Gemüsesorten großziehen: die Kundinnen und Kunden am Wochenmarkt. Deren Rückmeldungen über Erfolg (und hin und wieder auch mal Misserfolg) unserer Arbeit ist ebenso wertvoll. Einen solchen fruchtbaren und wohlschmeckenden Dreiklang aus Anbau, Verköstigung und Direktvermarktung möchte ich in meinen zukünftigen gärtnerischen Plänen nicht mehr missen. Daneben ermöglicht es dieses Zusammenspiel deutlich weniger Lebensmittel wegzuschmeißen, die eben nicht immer »marktkonform« daherkommen und für Großabnehmer ungeeignet wären. Oder wünschen sie sich nicht auch wieder unsere schmackhaften Troll-Möhren zurück?!

Neben den gärtnerischen Erfahrungen steht für mich an oberster Stelle das kleine Kollektiv aus so unterschiedlichen Menschen, die an der Entstehung und am Gedeihen des Hofes beteiligt sind und auf ihre jeweils ganz eigene Art ihren Teil zu dieser liebenswerten Gemeinschaft und zum Gelingen des Projektes Gärtnerhof beitragen. Eine gesunde Mischung aus Idealismus und einem Schuss Pragmatismus können so im kommenden Jahr bereits das 40-jährige Hofbestehen feiern. Beeindruckend ist dabei für mich, das hier das Mantra vom »Wachse oder Weiche« ad absurdum geführt wird. Viele meiner bisherigen landwirtschaftlichen Erfahrungen haben mir gezeigt, dass sobald im Betrieb Geld oder Zeit frei wird, nach Wegen gesucht wird, den Hof um weitere Betriebszweige zu vergrößern, Produktionsstätten zu erweitern oder neue Absatzwege zu erschließen. Nicht mehr hier. Statt hektischer 60-Stunden-Wochen, in denen gerade so das Allernötigste erledigt werden kann, lässt hier ein im Laufe der Zeit eingespielter und den natürlichen Gegebenheiten angepasster Arbeitsablauf gepaart mit einem genügsamen (aber nicht minder zufriedenen) Lebenswandel viele Freiräume für Musik, Kunsthandwerk, ausgiebiges Kochen oder andere Passionen entstehen. Diese mir aus der Landwirtschaft bisher nicht bekannte, gesunde Mischung aus Arbeit und Muße hat es mir beispielsweise ermöglicht, meine Erfahrungen aus dem praktischen Alltag um den zeitaufwändigen theoretischen Hintergrund zu erweitern. Jede Woche haben sich Fragen über Fragen angesammelt, denen ich nachgehen konnte. Beispielsweise konnte ich mich so intensiv mit der Botanik der angesprochenen Pflanzenvielfalt auf unseren Feldern beschäftigen. Denn für Bäuerinnen und Landwirte ist es unverzichtbar, die botanischen Familien der einzelnen Nutzpflanzen zu kennen und zu unterscheiden, da sich daraus unter anderem gemeinsame Ansprüche an Umweltbedingungen oder Gefahren von Pflanzenkrankheiten ableiten lassen. Da ich keine optisch ansprechende Botanik-Übersicht finden konnte, habe ich mich kurzerhand selbst daran gemacht. Das Ergebnis dieser Arbeit finden Sie, wenn Sie auf den Link im Anschluss an diesen Text klicken (alle Angaben in der Grafik wie immer ohne Gewähr und ohne Anspruch auf Vollständigkeit).

Ich habe davon geschrieben, dass wir Leuchtturm-Betriebe brauchen, die Licht ins Dunkel der industriellen und auf schieres Wachstum ausgerichteten Landwirtschaft bringen, in diesen stürmischen Zeiten Perspektiven am Horizont zeichnen und einen von vielen Wegen weisen, wie mögliche Alternativen aussehen können. Ein solcher Leuchtturm steht für mich in Bienenbüttel!

Für diese und all die anderen Erfahrungen, denen ich aus Platzgründen keinen Raum mehr in diesem Text geben konnte, möchte ich mich von ganzem Herzen bei allen lieben Menschen vom Gärtnerhof Bienenbüttel bedanken.

Übersicht über die Botanik einiger Nutzpflanzen